Freitag, 3. Februar 2012

Krieg 6

NAZI-REDEN

Wie unterscheidet sich die nationalsozialistische Massenveranstaltung von der kommunistischen? Auch in diesem Punkt hat „Mein Kampf“ keine richtige Auskunft gegeben. Es klingt so, als handle es sich bei der ns Propaganda weitgehend um einen Abklatsch von der kommunistischen. Fahnen und Plakate sind rot wie bei den Kommunisten. Große Versammlungssäle werden angemietet, wie sie bis dahin nur die Kommunisten füllen konnten. Proletarisches und halbproletarisches Publikum strömt herein, wie es sich auf nationalen Veranstaltungen bisher nicht sehen ließ. Man marschiert durch rote Stadtteile, dichtet rote Kampflieder um und kopiert den „Rotfrontkämpferbund“ durch die SA. Auf diese Übereinstimmungen ist Hitler geradezu stolz. Das scheint Ernst Nolte zu bestätigen, der den NS in erster Linie als Reaktion auf die Bedrohung des Bolschewismus auffaßt. In seinem letzten Buch „Späte Reflexionen“ (2011) hat der greise Historiker seine eigene These jedoch in Frage gestellt:
Wenn Hitler nur ein militanter Antikommunist gewesen wäre, hätte er dann überhaupt eine große Massenbewegung hinter sich bringen können?
Was hätte sein können, kann man nicht wissen. Wer aber die Berichte über die frühen NS-Massenveranstaltungen kennt, sieht klar, daß Hitler nicht nur ein militanter Antikommunist gewesen ist, und daß seine Propaganda nicht bloß ein umgekehrtes Spiegelbild der kommunistischen Propaganda ist. Trotz ähnlicher Räume und Requisiten wirkt eine NS-Veranstaltung von Grund auf anders als eine kommunistische Veranstaltung. Über diese zentrale Unterscheidung findet sich in „Mein Kampf“ kein Wort. Hitler läßt lieber den Eindruck entstehen, er sei ein bloßer Nachahmer oder neidischer Konkurrent, als eine geheime Wahrheit auszusprechen.

Die Bilder ...



Denn während die Kommunisten ihren Zuhörern dauernd Versprechungen auf ein besseres Leben, auf Frieden, Sicherheit, Wohlstand und mehr Menschlichkeit machen, versprechen die ns. Reden und schon die Stimmung im Saal, die Musik, die Uniformen und der aggressive Tonfall letztlich nichts anders als Kampf und Krieg und Opfer und Tod. Und während die Kommunisten ihr Publikum zum politischen Kampf auffordern, um die eigenen Rechte und das eigene Glück zu realisieren, besteht bei den Nationalsozialisten das Glück bereits im Kampf selbst. Ein höheres liegt eigentlich nur im Tod. Die Begeisterung der Kommunisten besteht in der Hoffnung, die Begeisterung der Nationalsozialisten besteht in der Selbstaufgabe. Weshalb man den Geist des NS denn auch als „Ungeist“ bezeichnet. Es handelt sich in der Tat um eine genaue Umkehrung der bisherigen Sichtweise.
... gleichen sich


HEIL WIRD UNHEIL, UNHEIL HEIL

Man spricht von den „abrahamitischen“ Religionen (Judentum, Christentum, Islam) als einem Block. Es stimmt, daß alle drei von einer messianischen Hoffnung bestimmt sind, von der Hoffnung auf die Erlösung des Menschen von aller irdischen Qual. Auch die buddhistische Religion – obwohl nicht abrahamitisch – beinhaltet diese Hoffnung in Form einer Auflösung im Nirwana. Der Ägyptologe Jan Assmann hat diese Art Religion als „Heilsreligion“ bezeichnet. Sie ist gerichtet auf einen idealen Zustand, der ursprünglich dagewesen sein soll und irgendwann wiederkommt. Im Gegensatz dazu stehen die heidnischen Religionen, auch die hochentwickelte ägyptische Religion, welche nicht auf ein „besseres Leben“ orientiert sind. Sie verklären das Diesseits durch die Verehrung der Natur und ebenso ihrer Herrscher. Assmann nennt sie die „Herrschaftsreligionen“. Der Gegensatz zeigt sich beim Aufenthalt der Israeliten in Ägypten. Mit ihrer „Heilsreligion“ sind die Juden einerseits leicht zu besiegen, da sie sich nicht aufs Hier und Jetzt konzentrieren, andererseits sind sie überlegen, weil sie die Zukunft für sich zu haben glauben.

Das Göttliche ist das Wirkliche
Das Göttliche ist der Geist


Der Charakter der „Heilsreligion“ ist auch im Marxismus enthalten. Das Konzept wird hier zu seiner Höchstform geführt, weil die Herbeiführung des Idealzustand scheinbar wissenschaftlich erklärt und exakt vorausberechenbar ist. Nicht die personelle Stärke der Juden innerhalb der bolschewistischen Partei läßt den Eindruck entstehen, daß die Juden hinter dem Kommunismus steckten („jüdischer Bolschewismus“), sondern mehr noch die geistesgeschichtliche Parallele zur jüdischen Religion, die zumindest diffus verspürt wird. Verspürt wird auch die Feindschaft des NS zu jeder Heilslehre. Der Kommunismus vertritt die Jenseitsreligion, denn sein Reich soll erst kommen. Der NS vertritt die Diesseitsreligion (ursprünglich Naturreligion), indem er das sakralisiert, was ist.

Diesen entscheidenden Richtungswechsel vermitteln die NS-Massenveranstaltungen auf unterschwellige Weise. Während der Redner zunächst wie die Kommunisten Arbeitsplätze und Wohlstand sowie Frieden und Gerechtigkeit verspricht, wird die neue „unfrohe“ Botschaft durch einen Subtext auf die Zuschauer übertragen, und dieser Subtext macht schließlich die Stärke der Nazis gegenüber den Kommunisten aus. Diese predigen, was die Menschen seit zweitausend Jahren zu hören bekommen, ohne daß die Versprechungen je eingelöst wurden. Die Nazis versprechen nichts und fordern alles. Gerade das reißt zu Beifallsstürmen hin, wie sie in der Geschichte wahrscheinlich noch nie gehört wurden.
Kampfzeit, Zirkus Krone

Nachricht 2

Aus Australien erreicht uns die Klage über verhängnisvolle Folgen der Migration. Ein großer Teil der einheimischen Beuteltiere (neben dem populären Känguruh viele weitere putzige Arten) ist durch eingeschleppte Raubtiere (vor allem Katzen) bereits ausgerottet oder steht vor dem Aussterben. Neuerdings nehmen auch die Buschbrände zu. Auslöser sind lange Gräser vorzugsweise aus Afrika, die es früher in Australien nicht gegeben hat. Aus diesem Grund gibt es auch kein Tiere, die die Gräser abfressen könnten.

In der Natur hat sich in Jahrmillionen alles so entwickelt, daß es aufeinander abgestimmt ist. Man nennt das auch „Ökosystem“. Australien lag Jahrmillionen von den übrigen Kontinenten getrennt – bis Schiffe und Flugzeuge erfunden wurden. Seitdem ist auch dieses Land nicht mehr, was es einmal war.
Sollen sie leben?


Der Biologe David Bowman von der Universität Tasmania schlägt in der Zeitschrift „Nature“ vor, Elefanten im australischen Outback anzusiedeln. Das hohe Gras wäre für sie die ideale Nahrung. Allerdings sind Gräser ja auch Lebewesen und würden dabei notwendigerweise draufgehen.
Noch grausamer klingt der zweite Teil des Konzepts: Arbeitslose Ureinwohner („Aborigines“) sollen zu ihren Wurzeln zurückkehren und die Jagd auf Katzen, Ratten und anderes „unaustralische“ Getier aufnehmen.
Wenn man konsequent Tierrechte mit Menschenrechten gleichsetzt, würde der Vorschlag zum Beispiel bedeuten, daß deutsche Arbeitslose sich ihr Geld durch das Abschlachten von kriminellen Ausländern verdienen sollen.
Dürfen sie töten?

Donnerstag, 2. Februar 2012

Krieg 5

UNFREIHEIT TOTAL

Neben dem Wald schöpft Heidegger bei der Entstehung von „Sein und Zeit“ noch aus einer anderen Quelle. Gerade in diesen Jahren steht er in enger Verbindung mit dem Heidelberger Philosophen und Psychiater Karl Jaspers. Jaspers war nicht nur Arzt, sondern auch chronisch krank. Durch seine Mukoviszidose schwebte er täglich in der Gefahr des Erstickens. Von ihm konnte Heidegger aus erster Hand erfahren, wie auch die schwere Krankheit jene „Grenzsituation“ herbeiführt, die konstitutiv für die sogenannte Existenzphilosophie ist. Die Medizin als Spezialfall der Technik ist zwar nicht ganz machtlos, doch zur Gesundheit führt sie selten. Trotz des riesigen Medizinapparats sind heute mehr Menschen krank als jemals zuvor.
Auch das ist Krieg

In einer Gesellschaft, die keinen Krieg mehr aus eigener Erfahrung kennt, wird die Krankheit zum bevorzugten Modell für die existentielle Krise. Das Interesse an entsprechenden Erfahrungsberichten wächst. Der „Kampf gegen den Krebs“ ist teilweise zum Ersatz für den alten Heroismus geworden. Das geschieht wiederum nicht aus Sensationslust. Vielmehr verspüren die Menschen auch hier den Anhauch einer verborgenen Wahrheit.
Beispielhaft dafür ist eine Buchbesprechung aus der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Es handelt sich um den Erfahrungsbericht des Theaterregisseurs Christoph Schlingensief, der mit 47 Jahren an Krebs gestorben ist:
So sieht die Zukunft aus. Dabei ist die Gegenwart schon dunkel genug. Es ist ein schreckliches Buch, das der Regisseur und Energiekünstler Christoph Schlingensief da geschrieben hat, ein elendes, ein wahnsinnig trauriges, ein sehr, sehr schönes Buch. Der Krebs hat die Macht übernommen über ein Leben, das, zumindest in seinem öffentlichen Teil, immer vor allem aus Energie, völliger Freiheit, Plötzlichkeit, mitreißendem Enthusiasmus, Wut, immer neuen „Projekten“ und gigantischer Ausprobierfreude zu bestehen schien. Schlingensief als teilnehmender Regisseur auf der Bühne, das heißt ja immer elektrische Luft (und die Angst des unbeteiligten Zuschauers, dass man jeden Augenblick geohrfeigt werden könnte oder irgendwie sonst Teil des Dramas wird). Jetzt also: Unfreiheit total. Die Krankheit bestimmt, wie es weitergeht.“
„Unfreiheit total“: das ist genau die Herausforderung, die dem modernen Menschen fehlt. Und daher kommt es, daß diese Krebsgeschichten beim Publikum paradoxerweise ein Gefühl der Befreiung erzeugen. Sie stellen sich nämlich vor – zumindest momentweise kann das gelingen – wie sinnlos ihre eigene beständige Suche nach Glücksgefühlen und materieller Befriedigung ist, da bloß umgekehrt das Überwinden einer echten Bedrohung zum Glück führen kann. Kampf gegen den Krebs und Sieg über den Krebs - nur das erscheint plötzlich sinnvoll.
WELCH EINE FREUDE!
Schon Ende des 19. Jahrhunderts hat der russische Dichter Leo Tolstoi die Krankheit als Mittel der Läuterung geschildert. In seiner Erzählung „Der Tod des Iwan Iljitsch“ wird ein hoher Petersburger Beamter von einer schlimmen Krankheit befallen. Während er anfangs die Krankheit zu verdrängen sucht, findet in der Folge ein Wandlungsprozeß statt. Sein bisheriges Leben zeigt sich ihm in seiner ganzen Hohlheit und Oberflächlichkeit. Er muß sterben und erkennt, daß er nie wirklich gelebt hat, sondern sich nur – auch in den Amtsgeschäften – die Zeit vertrieben hat. Neben den zunehmenden Schmerzen erfaßt ihn eine entsetzliche Angst.
Iwan Iljitisch verliert den Bezug zu allem, was ihn vor der Krankheit interessiert hatte. Alles fällt ab, was bis dahin wichtig erschienen ist. Die individuelle Person verschwindet, und es bleibt nur noch die nackte Existenz. Statt einer Zukunftsplanung reduziert sich alles auf die nächste Minuten. Nicht nur ist der Betroffene von allen Menschen verlassen, sondern die gesamte Welt, die ihn normalerweise umgibt, schwindet dahin. Zu der Angst gesellt wieder die Langeweile:
Was aber am allerschlimmsten dabei war – die Krankheit zog ihn nicht etwa deswegen ab, damit er etwas anderes tue, sondern nur, damit er sie betrachte, ihr gerade in die Augen schaue, sie ansehe und sich dabei, ohne etwas tun zu können, unbeschreiblich quäle. (…) Dann ging er wieder in sein Kabinett, legte sich nieder und war aufs neue allein mit ihr. Auge in Auge mit ihr und wußte doch nicht, was er mit ihr beginnen sollte. Immer nur sie anschauen und erstarren.
Aug in Aug mit dem Feind kann ihn nichts kann ihn mehr ablenken, nichts zerstreuen, nichts beschäftigen. Es gibt nur dieses Gegenüber, das unbekannt, ungreifbar, unheimlich und doch so nahe ist.
Ferdinand Hodler dokumentiert


Es ist eine ähnliche Situation wie in den von Jünger beschriebenen Schützengräben. Es ist auch die Situation des Verhungernden oder Erfrierenden in der Wildnis. Da ist etwas, das alles, was bisher galt, zunichte macht und auslöscht. Ich bin nichts mehr als die Wahrnehmung und Empfindung dieses Anderen. Was sich innerhalb der Zivilisation zum Absolutum spreizt, die Person, das Individuum, verschwinden ganz.
Tolstoi war bekanntlich sehr religiös. Er operiert aber nie mit theologischen Systemen und kirchlichen Institutionen. So findet der Kranke in seiner überkommenen, zuvor gedankenlos praktizierten Religion keinerlei Trost. Sie fällt ebenso ins Nichts zurück wie alles andere. Erst ganz zum Schluß der Erzählung ereignet sich etwas, das einer Rettung ähnelt. Nur wenige Stunden vor seinem Tod beginnt Iwan Iljitsch zu begreifen, daß das, was ihm in der Krankheit begegnet ist, und was ihn zugrunde richtete, seine letzte Chance war, den Sinn des Daseins zu finden, und daß er im Tod das Leben gewonnen hat. Einmal fragt er sich,„ob es möglich wäre, daß sie allein (die Krankheit) die Wahrheit sei.“ Doch dann:
Warum diese Qualen? Und die Stimme antwortete: Weil das so ist und aus keinem besonderen Anlaß. Außer diesem war weiter nichts da.“
Es zeigt sich, daß die Geschichte letzten Endes genauso sinnlos und grausam ist wie die Natur. Die Geschichte und die Technik sind nicht die Erlösung von der Natur, wie es die Fortschrittsgläubigen hoffen, sondern sie wiederholen nur den nackten Existenzkampf auf einer anderen Ebene. Zugleich kommt aber auch die Erkenntnis:
Es ist nicht das Wahre – all das, wofür ich gelebt habe und lebe, ist Lüge und Betrug; Lüge und Betrug haben Leben und Tod vor mir verborgen gehalten.“
In dieser Erkenntnis liegt die Rettung. Sie kehrt alles um:
An Stelle des Todes war ein Licht da. So ist das also! sagte er plötzlich laut. Welch eine Freude!
Aus dieser christlichen Erleuchtung, die Tolstoi aktualisieren will, entsteht einige Jahrzehnte später bei Jünger, Schmitt und Heidegger ein „heroischen Realismus“. Es ist eine neue Art Religiosität, die nicht mehr auf Erlösung hofft, sondern das Leben selber in seiner ganzen Härte bejaht und feiert.
Arno Breker: Der Kampf


Krieg 4

DIE HERAUS-FORDERUNG

Aus gesundheitlichen Gründen hat Martin Heidegger nicht am Weltkrieg teilgenommen. Trotzdem gründet sein Werk auf einer ähnlichen Erfahrung. Woher bezieht er seine existentiellen Wahrheiten?
Mitte der 30er Jahre erhält Heidegger einen Ruf in die Hauptstadt Berlin. Für ihn wäre es ein Karrieresprung gewesen, trotzdem lehnt er ab. In dem Beitrag „Warum wir in der Provinz bleiben“ begründet er diese Ablehnung damit, daß sein Denken an den Schwarzwald als Ursprung gebunden sei. Damit ist nicht etwa gemeint, daß hier à la „Schwarzwaldklinik“ die heile Welt zu finden sei. Die Heimat hielt aber für ihn die Erfahrungen bereit, die eine theoretische Erkenntnis erst fundieren. Konkret bezieht sich das auf die regelmäßigen Aufenthalte in der Hütte, das Wandern und Skilaufen im Wald.
Nun klingt das für jemand, der modernen Wintersport gewohnt ist, nicht gerade existentiell bedrohlich. Obwohl weiterhin Unfälle in den Bergen passieren, auch dort, wo man bereits alles touristisch erschlossen wähnte. Wie weit das „innere Erlebnis“ eines Stadtmenschen im Gebirge gehen kann, schildert Thomas Mann in seinem Roman „Der Zauberberg“ (1924). Was der Philosoph gemeint haben mag, nimmt in dem berühmten „Schneekapitel“ Gestalt an.
Der junge Ingenieur Hans Castorp ist zunächst als Besucher in einem Sanatorium, das im Hochgebirge liegt. Nach einer Weile sagt ihm das bequeme Leben in dem komfortablen Gebäude jedoch nicht mehr zu, und er leiht sich Skier, um einen Ausflug in die Berge zu machen. Schon bedient er sich also einer einfachen Technik, um der Natur Herr zu werden. Das Skilaufen in der damaligen Form wird detailliert beschrieben. Doch nützt es Hans nichts. Schon nach kurzer Zeit verliert er im dichten Schneetreiben die Orientierung. Nur eine knappe Stunde vom Haus entfernt, beginnt plötzlich eine weiße Wildnis, in der er unterzugehen droht:
Es war schön im winterlichen Gebirge, - nicht schön auf gelinde und freundliche Weise, sondern so, wie die Nordseewildnis schön ist bei starkem West, - zwar ohne Donnerlärm, sondern in Totenstille, doch ganz verwandte Ehrfurchtsgefühle weckend.“
Es war das Urschweigen, das Hans Castorp belauschte, wenn er so stand, auf seinen Stock gestützt, den Kopf zur Seite geneigt, mit offenem Munde; und still und unablässig schneite es weiter darin, ruhig hinsinkend, ohne einen Laut.
Nein, diese Welt in ihrem bodenlosen Schweigen (…) Gefühle des still bedrohlich Elementaren, des nicht einmal Feindseligen, vielmehr des Gleichgültig-Tödlichen waren es, die von ihr ausgingen.
Wir können jetzt schon besser verstehen, was Heidegger im Schwarzwald suchte: die Ehrfurcht, das Schweigen, das Elementare, vielleicht auch das „Tödlich-Gleichgültige“. Das ist keine Heimatidylle, sondern die Natur selbst, die im zivilisierten Leben nur als Ausnahme und nur, wenn die Technik versagt, noch in ihrer Größe zu erleben ist. Thomas Mann spricht von einer „frommen Erschütterung“, einem „heimlich-heiligen Schrecken“ sowie von der „begeisternden Berührung mit der tödlichen Natur“. Schließlich kommt das Wort, das solche seltenen Naturerlebnisse mit den Kriegserlebnissen, der entfesselten Technik, verbindet:
Was aber in Hans Castorps Seele vorging, war nur mit einem Wort zu bezeichnen: Herausforderung.
Reinhold Messmer am Nanga Parbat


Die ungeahnte Herausforderung erzeugt ein Gefühl der Lebendigkeit, das der Zivilisationsmensch fast vergessen hatte. Er spürt „das ist das Leben“, nämlich an der Grenze zum Tod zu stehen, und dieses Leben war für unsere Vorfahren einst selbstverständlich. Wie das Tier befanden sie sich ständig im Kampf mit widrigen Umständen. Für dieses Leben sind auch wir Menschen genetisch angelegt. Wir leben jedoch in einer Umkehrsituation, wo das Normale längst nicht mehr das Natürliche und das Natürliche das Extreme und Gefürchtete ist. Werden wir aber einmal in dieses Natürliche hineingeschleudert, dann entsteht eine Begeisterung, die man sonst allenfalls unter Drogen oder in Psychosen erlebt.
Nihilismus unbekannt

Nicht umsonst bezieht sich Heidegger immer wieder auf Friedrich Hölderlin: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Und umgekehrt gibt es Rettung nur in der Gefahr. So meldet sich Hans Castorp, der weder durch das Hochgebirge noch durch die Tuberkulose nahe genug an den Abgrund geraten ist, am Schluß des Romans freiwillig in der Krieg.

Trotz seiner Abbitte für die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ und sein Eintreten für die Weimarer Demokratie gehört auch Thomas Mann zu denjenigen Deutschen, die das Heil nicht im weiteren Fortschritt, sondern im Ausbruch aus dem Fortschrittsdenken suchen: Heil durch das, was die anderen Unheil nennen. Auch kulturgeschichtlich wird dem Leser dies vorgeführt in dem Traum, den Hans während seines gefährlichen Schlafes in der weißen Wildnis träumt. Er handelt von einem Land, das hinter dem vorbildhaften klassischen Griechenland liegt, und wo sich entsetzliche Rituale abspielen: Zwei Hexen verzehren das Fleisch eines Säuglings. Kannibalismus – der Dichter macht klar, daß in solcher Barbarei nicht das Ende, sondern die geheime Quelle aller Kultur liegt.
KANNIBALISMUS
Wie modern und realistisch der Gedanke ist, zeigt sich etwa am legendär gewordenen Absturz eines Passagierflugzeuges 1972 in den Anden. In der schneebedeckten Bergwelt blieben die eben noch komfortabel von Stewardessen versorgten Menschen über zwei Monate gefangen. Um zu überleben, aßen sie das Fleisch der beim Absturz getöteten Mitpassagiere. Nach der überraschenden Rettung machte die Geschichte in der Presse als „Gruselstory“ weltweit die Runde. Warum aber hören die Leute solche Geschichten so gern? Nicht nur aus „Sensationslust“, sondern weil sie dahinter eine verborgene, verschwiegene Wahrheit wittern. So mag es einem im Zeitalter der Flughäfen und Hotelketten zwar vorkommen, als ob es bereits egal sei, auf welchem Platz der Erde man sich gerade befindet. Spätestens nach einem „verunglückten Trip“ weiß man aber, daß es zumindest einen Unterschied immer noch gibt: nämlich innerhalb und außerhalb der Zivilisation.

Hunger ist der beste Koch

Mittwoch, 1. Februar 2012

Krieg 3

Wie Hitler so ging es auch vielen seiner späteren Anhänger und Mitstreiter. Sie hatten im Krieg eine Art „zweite Geburt“ erlebt und suchten dazu das passende Evangelium. Da gibt es als Erfahrungsbericht Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ (1920) und den biographischen Teil von „Mein Kampf“ (1925). Theoretisch behandeln das gleiche Motiv Carl Schmitt im „Begriff des Politischen“ (1927) und Martin Heidegger in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ (1927).

JÜNGER
Voraussetzung für die übergeordnete = epochale Bedeutung des Kriegserlebnisses ist die Unabhängigkeit von politischen Motiven im engeren Sinne. Die existentielle Erfahrung soll ja eine politische Auffassung erst begründen, also muß sie fundamentaler (wesentlicher, „eigentlicher“) sein als Politik und Militär. Worum ging es im 1. Weltkrieg? Es ging noch einmal (zum letzten Mal) um die Durchsetzung nationaler Interessen. Worin bestanden diese Interessen? In einer höheren Beschleunigung des industriellen Fortschritts gegenüber dem Tempo anderer Nationen. Darum ging es aber den „Stahlgewittern“ nicht. Das zeigt auch ein anderes Buch von Ernst Jünger, „Afrikanische Spiele“, worin er seine Erlebnisse in der Fremdenlegion beschreibt. Dem Gymnasiasten, der heimlich das Elternhaus verläßt und nach Marseille fährt, um sich bei der Legion zu melden, geht es um den Krieg als solches, um den Kampf und um die Grenzsituation. Vor dem Tod hat er weniger Angst als vor dem, was ihm zu Hause droht.

Wovon die Vorkriegsgenerationen (von 1871 bis 1914) insgesamt bedroht sind, bezeichnet Friedrich Nietzsche mit dem Wort „Nihilismus“. Seitdem hat dieser Zustand auch verschiedene andere Benennungen bekommen. So spricht Peter Sloterdjik vom „Weltinnenraum“, in den sich die Erde dank der Globalisierung verwandelt habe. Obwohl der Terminus nicht negativ gemeint ist, handelt es sich um das gleiche Phänomen. Es erscheint so, als ob alles bereits erforscht, alles entdeckt, alles bekannt und beherrschbar sei und nichts mehr den Menschen wirklich herausfordern könne. Überall begegnet man nur dem, wovon man selbst bestimmt ist, dem menschlichen Maß. Es gibt nichts „Großes“ mehr, nichts „Fremdes“, nichts „Anderes“. Das Gegenüber des Menschen fehlt. Ursache dieser nihilistischen Stimmung ist die scheinbar vollkommene Beherrschung der Natur und der Erde durch die Technik. Die Technik selbst wird ausschließlich als Instrument des Menschen gesehen, als sein verlängerter Arm. Der Ausdruck „Gott ist tot“ bezeichnet weniger den Verlust des naiven Glaubens (der liegt historisch bereits zurück), sondern die Eingeschlossenheit des Menschen mit sich selbst, das „Fliegenglas“, wie Wittgenstein es nennen sollte.

„Freie Luft“ sucht Jünger bei der Legion und im Weltkrieg. Schon vorher hatte die bürgerliche Jugend sie auf Fahrten in die Wälder gesucht. Diese „Jugendbewegung“ richtete sich vor allem gegen die sogenannten höheren Ideale, die längst zu Heuchelei verkommen waren. Auch das gesamte europäische Bildungsgut wurde fragwürdig. War es nicht letztlich nur eine Ummäntelung des Profits und des Komforts? Der Reiz des Krieges besteht nicht in glorreichen Taten. Meist findet sich dazu gar keine Gelegenheit:

Nach kurzem Aufenthalt beim Regiment hatten wir gründlich die Illusionen verloren, mit denen wir ausgezogen waren. Statt der erhofften Gefahren hatten wir Schmutz, Arbeit und schlaflose Nächte vorgefunden, deren Bezwingung ein uns wenig liegendes Heldentum erforderte. Schlimmer noch war die Langeweile, die für den Soldaten entnervender als die Nähe der Todes ist.“ (In Stahlgewittern)
Doch auch die Langeweile in ihrer äußersten Form führt von der leeren Geschäftigkeit weg, in der der Nihilismus wirkt. Angst und Langeweile führen, wie Heidegger ausführen sollte, zum „Eigentlichen“.

SCHMITT
Die Untersuchung über den „Begriff des Politischen“ stellt den „Feind“ als Herausforderung dar, die den modernen Menschen aus seiner falschen Sekurität herausholt. Das Politische nach Schmitt hat mit Politik im traditionellen Sinne genauso wenig zu tun wie die „Stahlgewitter“ mit dem Krieg als „Fortsetzung der Politik“. Wenn Schmitt behauptet:

Der politische Gegensatz ist der intensivste und äußerste Gegensatz und jede konkrete Gegensätzlichkeit ist umso politischer, je mehr sie sich dem äußerten Punkte, der Freund-Feind-Bestimmung, nähert“,
dann bedeutet es, daß er die Politik zum höchsten und damit zu einem quasi-theologischen Kriterium erklärt. Gleichzeitig definiert er aber, was Politik ist, wiederum damit, daß es sich um den äußersten Gegensatz handele. Denn historisch soll das Wesen des Politischen nicht bestimmt sein. Die Schrift begeht einen klassischen Zirkelschluß, der jedoch Interesse erweckt, weil es darin um das Existentielle geht. Um den Menschen nicht als Subjekt oder Person, sondern als Lebewesen – als biologisches Wesen, auch wenn die Autoren zu vornehm sind, das offen auszusprechen. Deshalb sind solche Zeugnisse nicht nur „moderner“ als das nationale Bekenntnis, sondern auch moderner als jede linke Überzeugung. Sie beziehen die Vereinzelung und Anonymität in der Massengesellschaft mit ein. Sie gehen vom Nihilismus bereits aus.

HEIDEGGER
Während Jünger und Schmitt bloß Splitter der epochalen Problematik bieten, versucht Martin Heidegger, ein Gesamtbild des Zivilisationsmenschen in seiner Notlage zu zeichnen. Im Zentrum steht auch hier der entwurzelte Einzelne. Durch die Zivilisation ist er nicht nur gesichert, sondern auch beschäftigt („geschäftig“). Die Realität begegnet ihm nur als Vielzahl von Gegenständen, die ihn alle miteinander gleichgültig lassen. Die Spannung, die von dem Buch ausgeht, kommt dadurch zustande, daß der einzelne eine Erfahrung macht, die ihn aus seiner Gleichgültigkeit herausreißt. Welche Erfahrung das konkret ist, läßt Heidegger offen. Vom Krieg spricht er nicht. Trotzdem ist das, was er in seinen berühmten „Daseinsanalysen“ beschreibt das gleiche, was auch Ernst Jünger und Carl Schmitt meinen. Und was Adolf Hitler beschwört, wenn er seine Zuhörer „erwecken“ will. Bei Heidegger erhält die „existenzielle Erfahrung“ ihren höchsten Abstraktionsgrad. Genannt wird nicht der Gegenstand der Erfahrung, weil die Art der Begegnung keine Subjekt-Objekt-Beziehung mehr ist. Genannt wird nur die „Stimmung“, in die der einzelne durch die Begegnung gerät. Sie wird bezeichnet mit dem Wort „Angst“. Angst ist von der Furcht unterschieden dadurch, daß sich der Gegenstand der Angst nicht mehr als Gegenstand fassen läßt. Die Sprache versagt, und die Einsamkeit wird absolut.

Auch bei Heidegger ist die „Grenzerfahrung“ eindeutig positiv aufzufassen. Erst der Kontrollverlust und das totale Ausgeliefertsein des einzelnen an etwas Übermächtiges enthält die Möglichkeit zu einem Neuanfang. „In der hellen Nacht des Nichts der Angst ersteht erst die ursprüngliche Offenheit des Seienden: daß es Seiendes ist und nicht nichts“, formuliert Heidegger Ende der 20er Jahre. Daß „nicht nichts ist“, bedeutet: daß der Mensch nicht allein ist und nicht in allem wieder nur sich selbst findet, sondern daß er sich an etwas, das anders ist, zu bewähren hat. Im Grunde handelt es sich um eine religiöse Erfahrung, die keine traditionelle religiöse Form mehr annimmt.
Martin Heidegger 1933/34

In allen genannten Schriften geht es um einen Aufbruch, Ausbruch, Durchbruch und Zusammenbruch der bisherigen (zivilisierten) Welt. Im genauen Gegensatz dazu versprechen die Marxisten zum gleichen Zeitpunkt (nach der Oktoberrevolution 1917) die Vollendung der bisherigen Geschichte durch die letzte vollkommene Stufe der Entwicklung, den Kommunismus. Während die Marxisten die rein menschliche Welt herbeisehnen und bewerkstelligen wollen, sind deren Gegner darauf aus, diese „menschliche Welt“ zu verhindern, weil sie ihnen als das schlimmste Gefängnis erscheint. Die Marxisten knüpfen an den bürgerlichen Fortschrittsapparat an. Die Gegner knüpfen an die Risse in diesem Fortschrittsapparat an.


Krieg 2

AUSBRUCH, DURCHBRUCH, AUFBRUCH, ZUSAMMENBRUCH

Die Formulierung vom „Kriegsausbruch“ paßt linken Historikern nicht, weil es für jeden Krieg bestimmte Gründe gibt. Doch Gründe gibt es auch für den Ausbruch eines Vulkans oder den Ausbruch einer Krankheit oder eines Feuers: es gibt Gründe, und in vielen Fällen lassen sich diese Gründe sogar lückenlos rekonstruieren. So wird es neuerdings mit ungeklärten Flugzeugabstürzen gemacht: Spezialisten werden eingesetzt, die nach Jahren noch aufklären, wo ein Kabel durchgebrannt ist, und wo der Kapitän patzte. Doch gibt es auch eine ganz andere Seite, nämlich die Leute im Flugzeug, die erleben, wie plötzlich die Katastrophe in ihr geruhsames Dasein einbricht.
Auch wie die Panik „ausbrach“, die auf der Love Parade zu Hunderten Toter führte, ist inzwischen genau rekonstruiert worden. Woran es lag, wie es sich entwickelte, wie es hätte verhindert werden können. Trotz aller nachträglichen Einsichten aber passieren solche Katastrophen immer wieder. Immer wieder verknüpfen sich die Umstände so, daß etwas geschieht, was die Grenzen des Gewohnten, des Vorstellbaren, des Erträglichen sprengt. Die „linke“ Sicht auf Kriege und Katastrophen geht immer davon aus, daß man es beim nächsten Mal verhindern müsse. Die andere Sicht geht davon aus, daß es passiert und immer wieder passieren wird.

Für die Wirkung spielt es gar keine Rolle, ob die Katastrophe ein Naturereignis ist (wie der Tsunami), oder ob die Technik versagt (wie in Tschernobyl), oder ob sich beides verknüpft (wie in Fukushima). Sobald die Technik außer Kontrolle gerät, verwandelt sie sich selbst in eine potenzierte Naturkraft. Das Gefühl der Hilflosigkeit und der Ohnmacht ist das gleiche, und der Mensch wird in eine Steinzeit zurückgeschleudert, als er noch das Gewitter fürchtete. Das fortwährende Versagen der Technik bezeugt, daß es sich nicht um echte Naturbeherrschung handelt, sondern bloß um eine vorübergehende Manipulation der Natur.

Tsunami in Indonesien




Fukushima in Japan



Vor diesem Hintergrund ist der Titel von Ernst Jüngers Kriegsbuch „In Stahlgewittern“ zu verstehen. Die einschlagenden Geschosse kommen zwar von Menschen und sind von Menschen konstruiert worden, aber ihre Wirkung auf den einzelnen gleicht dem Walten der Natur: unbegreiflich, übermächtig, unausweichlich – und erhaben. Das Kriegserlebnis bringt dem zivilisierten Menschen das bereits verlorene echte Naturerlebnis zurück. Das hat nichts mehr zu tun mit Kriegsgründen und Kriegszielen, auch nicht mit Vaterlandsliebe, sondern zielt auf die Kriegserfahrung schlechthin. Es geht um den Zusammenbruch einer Zivilisation.
Ausbruch, Einbruch, Zusammenbruch und Durchbruch sind die Kennzeichen der Erfahrung von 1914 – 18. Daher kommt auch die Kriegsbegeisterung, die bei vielen über den realen Schrecken und die Niederlage hinaus bestehen blieb. Sie beharrten auf ihren Kriegserlebnissen nicht nur, weil sie im Frieden kein wirtschaftliches Auskommen fanden, sondern auch, weil ihnen das bürgerliche Leben fragwürdig geworden war. Und zwar auf ganz andere Weise fragwürdig als dem schwärmerischen Bohemien von vor 1914. Der hatte sich über die Ebene des Geldverdienens und der Anpassung aufschwingen wollen zu einer diffus-genialischen Selbstverwirklichung. Der Soldat hingegen sucht das reale Fundament der Dinge, die Bewährung an Aufgaben, die den ursprünglichen Wert eines Menschen – seine Fähigkeit zum Überleben – zutage fördern.

So erfährt auch der junge Hitler im Krieg direkt die ungeschminkte Wahrheit des Lebens. Jetzt erst fallen die ästhetizistischen Neigungen von ihm ab, und die Kunst ist fortan nur Unterhaltung oder ideologisches Mittel. Seine Begeisterung gilt fortan jener „Brutalität des Lebens“, die er im Krieg erfahren hat – und die ihn auch persönlich von der bürgerlichen Verkorkstheit und den falschen Ansprüchen befreite. Sicher hat Hitler sich später einen Komfort geschaffen, von dem er früher in Wien nur träumen konnte, doch das bedeutet ihm nichts mehr. Er ist unabhängig von allen Annehmlichkeiten und unbestechlich geworden durch die Erfahrung des Krieges, die ihm zeigt, worauf es letztlich ankommt. Was ihn seitdem nur noch interessierte, ist die Substanz der Dinge, das, was ihnen die Stärke verleiht. Beim Menschen erhält diese Substanz zunehmend den Namen „Rasse“. „Rasse“ ist demnach eine Qualität, die sich in Entscheidungssituationen zeigt, während die Zivilisation eher den „Minderrassigen“ zur Herrschaft bringt.
Sicher gibt es zwischen den beiden Lebensphasen auch Kontinuitäten. Sie können die Leser von „Mein Kampf“ über den Bruch hinwegtäuschen. Sicher war Hitler auch schon vorher Antisemit (wer war es damals nicht?) und national gesinnt (im Bürgertum äußerst verbreitet). Schon früh hatte er – darauf ist zur Genüge hingewiesen worden – die „Ostara“-Hefte gelesen, in denen blonde Schönheiten von schwarzen Affenmenschen mißbraucht werden. Den gleichen rassistischen, antisemitischen und deutschtümelnden Anschauungen huldigte die ganze Wagner-Gemeinde, der der junge Hitler sich zugehörig fühlte. Die Oberfläche seiner Weltanschauung hatte sich kaum verändert, als er nach dem Krieg in München in die Politik einstieg. Doch das täuscht. Die Fundamente sind beim nationalen Bürgertum, dem Hitler sich vor 1914 zurechnen konnte (trotz seiner Mittellosigkeit), völlig andere als bei dem nun entstehenden Nationalsozialismus. Das nationale Bürgertum denkt ästhetisch-idealistisch, es basiert auf den Resten des deutschen Idealismus, auf Goethe, Schiller und Fichte, vielleicht auch Schopenhauer. Daran klammerte sich eine Schicht, die die Bedingung ihrer eigenen Existenz nicht reflektieren wollte: den modernen Kapitalismus.
RADIKALER ALS DER MARXISMUS
Nie hätten Hitler und der Nationalsozialismus dem Marxismus auf Augenhöhe begegnen können, wenn ihre Ideologie noch auf bürgerlichen Anschauungen beruht hätte. Die Marxisten haben ihre Theorie von Basis und Überbau. Damit nehmen sie jeder bürgerlichen Ideologie den Wind aus den Segeln. Die Marxisten vertreten einen ökonomisch orientierten Materialismus. Dem tritt Hitler nun mit einem biologisch begründeten Materialismus entgegen, der sich von Darwin und Houston Stewart Chamberlain herleitet. Das bedeutet für die Marxisten zumindest eine echte Herausforderung – setzt doch die Biologie noch radikaler an als die Ökonomie, nämlich bei der evolutionären Herkunft des Menschen, die Marx noch gar nicht bekannt war.

Marx noch nicht bekannt





Diese entscheidende Wende zu einer modernen (oder zumindest pseudo-modernen) Argumentation – zu einem eigenen Materialismus – hat Hitler nicht theoretischen Studien zu verdanken, sondern dem Kriegsereignis. Intuitiv begriff er, daß nach diesen Erfahrungen eine Rückkehr zum Idealismus nicht mehr möglich war. Die nationalen Texte las er jetzt anders – biologistisch. So konnte sich eine moderne Antimoderne bilden: der Nationalsozialismus. Sicher hat die sogenannte „konservative Revolution“ damit eine Verwandtschaft. Die KR ist aber immer noch idealistisch. Sie ruft zu einer inneren Wandlung auf. Die Wandlung kommt aber aus den historischen Tatsachen – entsprechend der marxistischen Lehre.


Krieg 1

Gegner und Anhänger sind sich wohl einig, daß Hitlers Buch „MEIN KAMPF“ ein gewisser Mangel anhaftet. Worin besteht dieser Mangel? Genau in dem, was seine große Stärke hätte werden können und bis heute immerhin den Reiz ausmacht: die Verbindung von Biographie und politischer Programmatik. Die beiden Ebenen befinden sich nicht im Einklang. Die politische Theorie ist von einer großen Dramatik geprägt. Hitler beschreibt eine brutale und gefährliche Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien: den Juden, Marxisten und Plutokraten einerseits und andererseits den Deutschen, die sich an die Spitze alles Wertvollen stellen. Diese Feindschaft beginnt nicht erst mit der Nationalsozialistischen Partei, sondern besteht in verdeckter Form auch schon im Habsburger Reich und speziell in der Stadt Wien. Sie ist, darüber läßt der Autor keinen Zweifel, durch keinen Ausgleich zu beenden, sondern führt entweder zur Vernichtung des einen oder des anderen. Der Begriff „Kampf“ trifft den Inhalt des Buches insofern ganz genau.

Aber was ist mit „mein“ Kampf? In Hitler selbst findet anscheinend gar kein Kampf statt, und das macht das Buch in gewisser Weise enttäuschend. Der Autor stellt sich so dar, als ob er von Anfang an – eigentlich schon während der Schulzeit, als er sich für das Fach Geschichte interessiert, deutschnational empfindet und die anderen Kinder dominiert – immer der gleiche gewesen wäre. Dieses Konzept entspringt sicherlich dem Wunsch, beim Leser Vertrauen zu erzeugen. Gäbe Hitler zu, daß er sich irgendwann in seinem Leben geirrt hat, käme der Leser vielleicht auf den Gedanken, er könne sich auch jetzt mit seiner Politik irren. Der Preis für diese propagandistische Absicht ist allerdings eine gewisse Unglaubwürdigkeit. Hitler schildert zwar, wie sein Traum von der Künstlerkarriere scheitert. Doch was dabei in ihm vorgegangen ist, spart er in auffälliger Weise aus. Was denkt sich ein junger Mensch, der jahrelang beschäftigungslos dahinvegetiert und keinerlei Versuch macht, das zu ändern? Denkt er daran, sich umzubringen? Ist er wütend auf sich selbst und seine unrealistischen Vorstellungen? Man kann immerhin erahnen, daß Hitler sich als Versager fühlte und dagegen das Argument von der verdorbenen Kunstwelt ins Feld führte. Doch um schlüssig zu sein, würde diese Argumentation voraussetzen, daß er an seiner künstlerischen Begabung festhält und sie weiter verfolgt. Was nicht der Fall ist. Er mußte also innerlich wissen, daß zwar die Kunst sich einer schweren Krise befindet, aber die eigene persönliche Krise davon unabhängig besteht. Von dieser persönlichen Krise ist in dem Buch fast nichts zu lesen. Zwar ist die Rede von materieller Not und davon, daß diese Armut sich festigend auf den Charakter ausgewirkt haben soll. Doch welcher Charakter? Hitler hatte bisher nur in einer Traumwelt gelebt, die jetzt zerbricht. Das festigt nichts, sondern führt in die Verzweiflung.

Was auf die Leser von Biographien spannend wirkt, sind sogenannte Umbrüche. Der Held steht an einem Abgrund und wird durch einen Zufall – manche sagen auch Fügung – wunderbar errettet. Versierte Schreiber bemühen sich, solche dramatischen Wendungen hervorzuheben oder sogar zu konstruieren. Aus propagandistischen Gründen hat Hitler diese dramatische Wirkung beinahe verschenkt. Es kommt nicht zum Ausdruck, wie erlösend der Kriegsausbruch auf ihn gewirkt haben muß. Und wie stark sich die Kriegsteilnahme auf sein weiteres Leben auswirkte.

Es kommt auch nicht zum Ausdruck, wie wenig ihn Politik während der Jugendjahre überhaupt interessiert hatte. Früh wandte er sich der musischen Welt zu und fand sogleich zu dem damaligen Abgott Richard Wagner. Bayreuth war um 1900 längst zu einer quasi-religiösen Idee geworden, einem Kult, der nicht Musikalität erforderte, sondern vielmehr Glaubensbereitschaft. Der Inhalt dieser „Religion“ aber blieb völlig diffus. Wagner hat sich (trotz seines Antisemitismus) mitnichten vom Christentum frei gemacht und auch nicht von einem konventionellen Idealismus, der allenthalben vom Hohen, Reinen, Schönen, Erhabenen und Edlen schwärmt. Schon Friedrich Nietzsche hat es abgestoßen, wie der „Meister“ diese Töne mit einem rigorosen Egoismus und persönlicher Eitelkeit verband. Unkritisch hatte sich Hitler – wie viele andere junge Leute – jahrelang berieseln lassen, ohne über den Gehalt dieser Werke ernsthaft nachzudenken. Der – pubertäre – Rausch einer unbestimmten Erwartung fand in seinen Künstlerplänen Ausdruck – ebenfalls eine verbreitete Phase im Leben bürgerlicher Söhne. Wilhelm Meister, der „grüne Heinrich“, wohin man sieht, wollen alle Künstler werden. Früher oder später besinnen sie sich dann unter dem Druck der Verhältnisse auf einen anständigen Broterwerb.

Auch für Hitler wäre es denkbar gewesen, im letzten Augenblick noch in eine kleinbürgerliche Existenz hineinzurutschen. Nehmen wir an, er hätte sich mit dem „Postkartengeschäft“ irgendwie etabliert. Dann wäre in der Rückschau der Künstlertraum zu einer bürgerlich-idealistischen Ideologie erstarrt, wie sie vor 1914 verbreitet war: Danach gibt es die „höheren Werte“, die nur wenigen Auserwählten vorbehalten sind, zu denen man leider (doch) nicht gehört. Die man aber bewundert und beneidet, und die man sich an Sonn- und Feiertagen in der Kirche oder zunehmend im Theater vorführen läßt. Zu diesem Spießbürgertum hatte Hitler durchaus eine gewisse Anlage, wie sie später in seinem Film- und Operettenkonsum zum Ausdruck kommt.

Illusionen




Verzweiflung




Doch es kommt anders. Es geschieht etwas, das weder ein Zufall noch eine Fügung ist, aber für Adolf Hitler wie für alle kleinen Leute mit der Plötzlichkeit eines Naturereignisses eintritt: der Krieg bricht aus.

Rettung