Mittwoch, 1. Februar 2012

Krieg 2

AUSBRUCH, DURCHBRUCH, AUFBRUCH, ZUSAMMENBRUCH

Die Formulierung vom „Kriegsausbruch“ paßt linken Historikern nicht, weil es für jeden Krieg bestimmte Gründe gibt. Doch Gründe gibt es auch für den Ausbruch eines Vulkans oder den Ausbruch einer Krankheit oder eines Feuers: es gibt Gründe, und in vielen Fällen lassen sich diese Gründe sogar lückenlos rekonstruieren. So wird es neuerdings mit ungeklärten Flugzeugabstürzen gemacht: Spezialisten werden eingesetzt, die nach Jahren noch aufklären, wo ein Kabel durchgebrannt ist, und wo der Kapitän patzte. Doch gibt es auch eine ganz andere Seite, nämlich die Leute im Flugzeug, die erleben, wie plötzlich die Katastrophe in ihr geruhsames Dasein einbricht.
Auch wie die Panik „ausbrach“, die auf der Love Parade zu Hunderten Toter führte, ist inzwischen genau rekonstruiert worden. Woran es lag, wie es sich entwickelte, wie es hätte verhindert werden können. Trotz aller nachträglichen Einsichten aber passieren solche Katastrophen immer wieder. Immer wieder verknüpfen sich die Umstände so, daß etwas geschieht, was die Grenzen des Gewohnten, des Vorstellbaren, des Erträglichen sprengt. Die „linke“ Sicht auf Kriege und Katastrophen geht immer davon aus, daß man es beim nächsten Mal verhindern müsse. Die andere Sicht geht davon aus, daß es passiert und immer wieder passieren wird.

Für die Wirkung spielt es gar keine Rolle, ob die Katastrophe ein Naturereignis ist (wie der Tsunami), oder ob die Technik versagt (wie in Tschernobyl), oder ob sich beides verknüpft (wie in Fukushima). Sobald die Technik außer Kontrolle gerät, verwandelt sie sich selbst in eine potenzierte Naturkraft. Das Gefühl der Hilflosigkeit und der Ohnmacht ist das gleiche, und der Mensch wird in eine Steinzeit zurückgeschleudert, als er noch das Gewitter fürchtete. Das fortwährende Versagen der Technik bezeugt, daß es sich nicht um echte Naturbeherrschung handelt, sondern bloß um eine vorübergehende Manipulation der Natur.

Tsunami in Indonesien




Fukushima in Japan



Vor diesem Hintergrund ist der Titel von Ernst Jüngers Kriegsbuch „In Stahlgewittern“ zu verstehen. Die einschlagenden Geschosse kommen zwar von Menschen und sind von Menschen konstruiert worden, aber ihre Wirkung auf den einzelnen gleicht dem Walten der Natur: unbegreiflich, übermächtig, unausweichlich – und erhaben. Das Kriegserlebnis bringt dem zivilisierten Menschen das bereits verlorene echte Naturerlebnis zurück. Das hat nichts mehr zu tun mit Kriegsgründen und Kriegszielen, auch nicht mit Vaterlandsliebe, sondern zielt auf die Kriegserfahrung schlechthin. Es geht um den Zusammenbruch einer Zivilisation.
Ausbruch, Einbruch, Zusammenbruch und Durchbruch sind die Kennzeichen der Erfahrung von 1914 – 18. Daher kommt auch die Kriegsbegeisterung, die bei vielen über den realen Schrecken und die Niederlage hinaus bestehen blieb. Sie beharrten auf ihren Kriegserlebnissen nicht nur, weil sie im Frieden kein wirtschaftliches Auskommen fanden, sondern auch, weil ihnen das bürgerliche Leben fragwürdig geworden war. Und zwar auf ganz andere Weise fragwürdig als dem schwärmerischen Bohemien von vor 1914. Der hatte sich über die Ebene des Geldverdienens und der Anpassung aufschwingen wollen zu einer diffus-genialischen Selbstverwirklichung. Der Soldat hingegen sucht das reale Fundament der Dinge, die Bewährung an Aufgaben, die den ursprünglichen Wert eines Menschen – seine Fähigkeit zum Überleben – zutage fördern.

So erfährt auch der junge Hitler im Krieg direkt die ungeschminkte Wahrheit des Lebens. Jetzt erst fallen die ästhetizistischen Neigungen von ihm ab, und die Kunst ist fortan nur Unterhaltung oder ideologisches Mittel. Seine Begeisterung gilt fortan jener „Brutalität des Lebens“, die er im Krieg erfahren hat – und die ihn auch persönlich von der bürgerlichen Verkorkstheit und den falschen Ansprüchen befreite. Sicher hat Hitler sich später einen Komfort geschaffen, von dem er früher in Wien nur träumen konnte, doch das bedeutet ihm nichts mehr. Er ist unabhängig von allen Annehmlichkeiten und unbestechlich geworden durch die Erfahrung des Krieges, die ihm zeigt, worauf es letztlich ankommt. Was ihn seitdem nur noch interessierte, ist die Substanz der Dinge, das, was ihnen die Stärke verleiht. Beim Menschen erhält diese Substanz zunehmend den Namen „Rasse“. „Rasse“ ist demnach eine Qualität, die sich in Entscheidungssituationen zeigt, während die Zivilisation eher den „Minderrassigen“ zur Herrschaft bringt.
Sicher gibt es zwischen den beiden Lebensphasen auch Kontinuitäten. Sie können die Leser von „Mein Kampf“ über den Bruch hinwegtäuschen. Sicher war Hitler auch schon vorher Antisemit (wer war es damals nicht?) und national gesinnt (im Bürgertum äußerst verbreitet). Schon früh hatte er – darauf ist zur Genüge hingewiesen worden – die „Ostara“-Hefte gelesen, in denen blonde Schönheiten von schwarzen Affenmenschen mißbraucht werden. Den gleichen rassistischen, antisemitischen und deutschtümelnden Anschauungen huldigte die ganze Wagner-Gemeinde, der der junge Hitler sich zugehörig fühlte. Die Oberfläche seiner Weltanschauung hatte sich kaum verändert, als er nach dem Krieg in München in die Politik einstieg. Doch das täuscht. Die Fundamente sind beim nationalen Bürgertum, dem Hitler sich vor 1914 zurechnen konnte (trotz seiner Mittellosigkeit), völlig andere als bei dem nun entstehenden Nationalsozialismus. Das nationale Bürgertum denkt ästhetisch-idealistisch, es basiert auf den Resten des deutschen Idealismus, auf Goethe, Schiller und Fichte, vielleicht auch Schopenhauer. Daran klammerte sich eine Schicht, die die Bedingung ihrer eigenen Existenz nicht reflektieren wollte: den modernen Kapitalismus.
RADIKALER ALS DER MARXISMUS
Nie hätten Hitler und der Nationalsozialismus dem Marxismus auf Augenhöhe begegnen können, wenn ihre Ideologie noch auf bürgerlichen Anschauungen beruht hätte. Die Marxisten haben ihre Theorie von Basis und Überbau. Damit nehmen sie jeder bürgerlichen Ideologie den Wind aus den Segeln. Die Marxisten vertreten einen ökonomisch orientierten Materialismus. Dem tritt Hitler nun mit einem biologisch begründeten Materialismus entgegen, der sich von Darwin und Houston Stewart Chamberlain herleitet. Das bedeutet für die Marxisten zumindest eine echte Herausforderung – setzt doch die Biologie noch radikaler an als die Ökonomie, nämlich bei der evolutionären Herkunft des Menschen, die Marx noch gar nicht bekannt war.

Marx noch nicht bekannt





Diese entscheidende Wende zu einer modernen (oder zumindest pseudo-modernen) Argumentation – zu einem eigenen Materialismus – hat Hitler nicht theoretischen Studien zu verdanken, sondern dem Kriegsereignis. Intuitiv begriff er, daß nach diesen Erfahrungen eine Rückkehr zum Idealismus nicht mehr möglich war. Die nationalen Texte las er jetzt anders – biologistisch. So konnte sich eine moderne Antimoderne bilden: der Nationalsozialismus. Sicher hat die sogenannte „konservative Revolution“ damit eine Verwandtschaft. Die KR ist aber immer noch idealistisch. Sie ruft zu einer inneren Wandlung auf. Die Wandlung kommt aber aus den historischen Tatsachen – entsprechend der marxistischen Lehre.


Krieg 1

Gegner und Anhänger sind sich wohl einig, daß Hitlers Buch „MEIN KAMPF“ ein gewisser Mangel anhaftet. Worin besteht dieser Mangel? Genau in dem, was seine große Stärke hätte werden können und bis heute immerhin den Reiz ausmacht: die Verbindung von Biographie und politischer Programmatik. Die beiden Ebenen befinden sich nicht im Einklang. Die politische Theorie ist von einer großen Dramatik geprägt. Hitler beschreibt eine brutale und gefährliche Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien: den Juden, Marxisten und Plutokraten einerseits und andererseits den Deutschen, die sich an die Spitze alles Wertvollen stellen. Diese Feindschaft beginnt nicht erst mit der Nationalsozialistischen Partei, sondern besteht in verdeckter Form auch schon im Habsburger Reich und speziell in der Stadt Wien. Sie ist, darüber läßt der Autor keinen Zweifel, durch keinen Ausgleich zu beenden, sondern führt entweder zur Vernichtung des einen oder des anderen. Der Begriff „Kampf“ trifft den Inhalt des Buches insofern ganz genau.

Aber was ist mit „mein“ Kampf? In Hitler selbst findet anscheinend gar kein Kampf statt, und das macht das Buch in gewisser Weise enttäuschend. Der Autor stellt sich so dar, als ob er von Anfang an – eigentlich schon während der Schulzeit, als er sich für das Fach Geschichte interessiert, deutschnational empfindet und die anderen Kinder dominiert – immer der gleiche gewesen wäre. Dieses Konzept entspringt sicherlich dem Wunsch, beim Leser Vertrauen zu erzeugen. Gäbe Hitler zu, daß er sich irgendwann in seinem Leben geirrt hat, käme der Leser vielleicht auf den Gedanken, er könne sich auch jetzt mit seiner Politik irren. Der Preis für diese propagandistische Absicht ist allerdings eine gewisse Unglaubwürdigkeit. Hitler schildert zwar, wie sein Traum von der Künstlerkarriere scheitert. Doch was dabei in ihm vorgegangen ist, spart er in auffälliger Weise aus. Was denkt sich ein junger Mensch, der jahrelang beschäftigungslos dahinvegetiert und keinerlei Versuch macht, das zu ändern? Denkt er daran, sich umzubringen? Ist er wütend auf sich selbst und seine unrealistischen Vorstellungen? Man kann immerhin erahnen, daß Hitler sich als Versager fühlte und dagegen das Argument von der verdorbenen Kunstwelt ins Feld führte. Doch um schlüssig zu sein, würde diese Argumentation voraussetzen, daß er an seiner künstlerischen Begabung festhält und sie weiter verfolgt. Was nicht der Fall ist. Er mußte also innerlich wissen, daß zwar die Kunst sich einer schweren Krise befindet, aber die eigene persönliche Krise davon unabhängig besteht. Von dieser persönlichen Krise ist in dem Buch fast nichts zu lesen. Zwar ist die Rede von materieller Not und davon, daß diese Armut sich festigend auf den Charakter ausgewirkt haben soll. Doch welcher Charakter? Hitler hatte bisher nur in einer Traumwelt gelebt, die jetzt zerbricht. Das festigt nichts, sondern führt in die Verzweiflung.

Was auf die Leser von Biographien spannend wirkt, sind sogenannte Umbrüche. Der Held steht an einem Abgrund und wird durch einen Zufall – manche sagen auch Fügung – wunderbar errettet. Versierte Schreiber bemühen sich, solche dramatischen Wendungen hervorzuheben oder sogar zu konstruieren. Aus propagandistischen Gründen hat Hitler diese dramatische Wirkung beinahe verschenkt. Es kommt nicht zum Ausdruck, wie erlösend der Kriegsausbruch auf ihn gewirkt haben muß. Und wie stark sich die Kriegsteilnahme auf sein weiteres Leben auswirkte.

Es kommt auch nicht zum Ausdruck, wie wenig ihn Politik während der Jugendjahre überhaupt interessiert hatte. Früh wandte er sich der musischen Welt zu und fand sogleich zu dem damaligen Abgott Richard Wagner. Bayreuth war um 1900 längst zu einer quasi-religiösen Idee geworden, einem Kult, der nicht Musikalität erforderte, sondern vielmehr Glaubensbereitschaft. Der Inhalt dieser „Religion“ aber blieb völlig diffus. Wagner hat sich (trotz seines Antisemitismus) mitnichten vom Christentum frei gemacht und auch nicht von einem konventionellen Idealismus, der allenthalben vom Hohen, Reinen, Schönen, Erhabenen und Edlen schwärmt. Schon Friedrich Nietzsche hat es abgestoßen, wie der „Meister“ diese Töne mit einem rigorosen Egoismus und persönlicher Eitelkeit verband. Unkritisch hatte sich Hitler – wie viele andere junge Leute – jahrelang berieseln lassen, ohne über den Gehalt dieser Werke ernsthaft nachzudenken. Der – pubertäre – Rausch einer unbestimmten Erwartung fand in seinen Künstlerplänen Ausdruck – ebenfalls eine verbreitete Phase im Leben bürgerlicher Söhne. Wilhelm Meister, der „grüne Heinrich“, wohin man sieht, wollen alle Künstler werden. Früher oder später besinnen sie sich dann unter dem Druck der Verhältnisse auf einen anständigen Broterwerb.

Auch für Hitler wäre es denkbar gewesen, im letzten Augenblick noch in eine kleinbürgerliche Existenz hineinzurutschen. Nehmen wir an, er hätte sich mit dem „Postkartengeschäft“ irgendwie etabliert. Dann wäre in der Rückschau der Künstlertraum zu einer bürgerlich-idealistischen Ideologie erstarrt, wie sie vor 1914 verbreitet war: Danach gibt es die „höheren Werte“, die nur wenigen Auserwählten vorbehalten sind, zu denen man leider (doch) nicht gehört. Die man aber bewundert und beneidet, und die man sich an Sonn- und Feiertagen in der Kirche oder zunehmend im Theater vorführen läßt. Zu diesem Spießbürgertum hatte Hitler durchaus eine gewisse Anlage, wie sie später in seinem Film- und Operettenkonsum zum Ausdruck kommt.

Illusionen




Verzweiflung




Doch es kommt anders. Es geschieht etwas, das weder ein Zufall noch eine Fügung ist, aber für Adolf Hitler wie für alle kleinen Leute mit der Plötzlichkeit eines Naturereignisses eintritt: der Krieg bricht aus.

Rettung

Montag, 23. Januar 2012

Nachrichten 1


In der Zeitung „Berliner Kurier“ kommentiert heute ein gewisser Christian Burmeister den Tod von 160 Christen durch militante Moslems in Nigeria. Unter der Überschrift „Religiöse Spinner gefährden die Welt“ fragt sich Burmeister: „Wäre die Welt ohne Religion ein besserer Ort?“ Denn nicht nur die Moslems seien „intolerant“, sondern auch christliche Fundamentalisten wie Newt Gingrich und sogar die radikalen Zionisten, die offenbar auch als „religiös“ bezeichnet werden.

Richtig ist, daß religiöse Motive seit einiger Zeit wieder in den Vordergrund rücken, und daß die Welt dadurch auch nicht friedlicher wird. Der Zusammenhang ist aber genau umgekehrt, wie der „Berliner Kurier“ es vermutet: Die Welt ist nicht wegen der Religion ein schlechter Ort, sondern weil die Welt ein schlechter Ort ist und bleibt, kehren die Menschen allmählich wieder zur Religion zurück.

Engel

Max Ernst, Hausengel (1937)












Das Kennzeichen („Logo“) dieses Blogs ist der „Hausengel“ von Max Ernst. Liest man kunsthistorische Erläuterungen dazu, so wird die Figur passend zum Entstehungsdatum als Symbol des „Faschismus in Europa“ gedeutet. Die Gestalt ist häßlich und erschreckend, doch die Farben ihres flatternden Gewandes erinnern an Renaissance-Engel. So sagen die Kunsthistoriker.

Entscheidend für uns ist, daß der Künstler den Nationalsozialismus in einen religiösen Zusammenhang stellt. Es gibt noch ein zweites eindrucksvolles Gemälde mit dem Motiv Religion und Nationalsozialismus, Gottfried Helnweins „Epiphanie 1“. Aus urheberrechtlichen Gründen können wir das Bild hier nicht zeigen, es ist nämlich erst wenige Jahre alt, also lange nach 1945 entstanden. Jeder kann es im Netz leicht finden. Es zeigt eine Madonna mit dem Kind in klassischer Malweise und in Betrachtung des Kindes einige Männer in SS- und Wehrmachtsuniformen. Alles weitere bleibt der Interpretation überlassen.

Nicht nur Heinrich Himmler, sondern auch Joseph Goebbels haben ausdrücklich eine religiöse Auffassung des NS befürwortet bzw. für die Zukunft erwartet. Adolf Hitler stellte sich bekanntlich gegen derartige Versuche und lehnte eine Rolle als Religionsstifter oder gar Ersatz-Gott vehement ab. Wie die vielen eher lächerlichen Sekten bezeugen, läßt sich eine Religion nicht gründen wie ein Verein oder eine politische Partei. Schon gar nicht lassen sich Formen und Riten traditioneller Religionen zu einer neuen Mischung verarbeiten und auf ein politisches Programm pfropfen. So ähnlich hätte wohl eine „NS-Religion“ nach den Vorstellungen von Himmler (eher heidnisch) oder Goebbels (eher katholisch) ausgesehen. Hitler spürte stärker den Anachronismus (die Überlebtheit) aller traditionellen Religionen und jeder metaphysischen (übersinnlichen) Orientierung überhaupt. Sein (relativer) Liberalismus gegenüber den christlichen Kirchen kam aus der (inzwischen bestätigen) Auffassung, daß „dieser Hokuspokus“ früher oder später von selbst verschwinden würde angesichts einer mehr und mehr naturwissenschaftlich (für Hitler: biologisch) geprägten Welt.

Trotzdem hat der NS eine Religion hervorgebracht: die „Holocaust-Religion“. Die Holocaust-Religion unterscheidet sich von der (von Himmler, Goebbels u.a. gewünschten) NS-Religion zunächst in der negativen Ausrichtung. Von einer fiktiven NS-Religion her stellt die Holocaust-Religion als eine Art „Satanismus“ dar: der Jude wird verehrt und als Sieger gefeiert, also derjenige, der als „Teufel“ gedacht war. Auch kann man die Holocaust-Religion als „negative Theologie“ bezeichnen, der Himmel über Auschwitz bleibt leer.

Rein formal stellt die Holocaust-Religion einen neuen Typus von Religion dar, den es so vorher nicht gegeben hat. Es ist eine Religion jenseits des Atheismus, eine Religion, der der Atheismus nichts anhaben kann und auch nicht die moderne Wissenschaftsgläubigkeit. Wäre Hitler noch am Leben, müßte er zugeben: es ist doch möglich, eine Religion zu etablieren, die nicht metaphysisch ist und keine traditionellen Formen benutzt und insofern den modernen Anforderungen genügt. Und diese Religion haben ausgerechnet die Nationalsozialisten geschaffen. Allerdings nicht orientiert an ihren Siegen und Heldentaten, sondern umgekehrt aus dem größten Verbrechen und der tiefsten Niederlage hat sich eine Art Kult gebildet.

Nun werden die Anhänger der traditionellen Religionen sagen: Die Holocaust-Religion ist keine „richtige“ Religion, sondern wird nur vergleichsweise oder gar polemisch so genannt. Sie ist höchstens eine „Ersatz-Religion“ oder „Zivil-Religion“ wie etwa die „Menschheitsreligion“, die auch keine „echte“ Religion sei. Doch solche Einwände gehen immer davon aus, daß es für den Begriff „Religion“ eine bestimmte Definition gäbe. Eine solche Definition gibt es jedoch nicht. Was Religion ist, geht immer nur aus den einzelnen Religionen hervor. Der Allgemeinbegriff bildet sich nur durch Überschneidungen. Damit wird die Bedeutung des Wortes Religion durch jede neue oder neu entdeckte Religion verändert, und zwar teilweise substantiell. Vor dem Christentum gab es keine Religion, in der Mensch und Gott eins wurden. Es gab nur Halbgötter, die keins von beiden waren. Da aber das Christentum zweifellos eine Religion ist, kann also der Mensch darin göttlichen Status erlangen. In der römischen Kaiserzeit wurden sogar alle Cäsaren zu Göttern erklärt. Auch das verstand man unter „Religion“.

Weil aber der Begriff „Religion“ so wenig sagt, bringt auch die Frage nicht weiter, ob die Holocaust-Religion eine „echte“ Religion ist, oder ob der NS ein religiöses Potential enthält, oder ob die Bilder von Ernst oder Helnwein religiöse Bilder sind. Auf jeden Fall wollen sie darauf hinweisen, daß die Ereignisse von 1933 bis 45, insbesondere die unbegreiflichen Vorgänge in den letzten Kriegsjahren, sich auf einem Niveau abspielen, das dem religiösen Niveau entspricht. Es geht hier nicht bloß um Geschichtswissenschaft oder philosophische Wissenschaft, sondern um Fragen, die jeden Menschen, egal welchen Bildungsgrades, im Innersten betreffen. Und das sind die theologischen Fragen. Ob sie nun mit herkömmlichen theologischen Kategorien noch zu erfassen sind oder herkömmliche theologische Vorstellungen aufgreifen oder nicht, ist dabei zweitrangig. Sie stehen an der Stelle, wo Theologie immer gestanden hat, nämlich an erster Stelle.
Sie haben aber auch, wie die Künstler nahelegen, eine besondere Affinität zum Christentum. Auch im Christentum ist es eine Katastrophe – die Kreuzigung –, die zur Erlösung führt. In jeder Kirche hängt der blutende gequälte Körper Christi. Dazu passen spiegelbildlich die Bilder von verhungerten und gequälten Gefangenen. Ob das nun „Religion“ ist oder etwas anderes, die beiden Bilder müssen zusammen gesehen und zusammen gedeutet werden. Sonst kommen wir nicht in den höchsten Bereich.
Matthias Grünewald, Tauberbischofsheimer Kreuzigung













Georg Tauber, KL Dachau







Samstag, 21. Januar 2012

Einleitung

Max Ernst, Der Hausengel (1937)

Der Ausdruck „Ewig-Gestrige“ ist ein wenig aus der Mode gekommen. Heute spricht man eher von „Neonazis“. Doch wo gäbe es einen „Neonazismus“, der sich vom Nazismus wirklich unterscheidet? Es gibt aber Leute, die vom Nationalsozialismus nicht wegkommen. Für die paßt der Ausdruck nach wie vor. Das betrifft nicht nur die Nostalgiker, sondern auch die Bewältiger. Es stimmt nämlich nicht, daß die Vergangenheitsbewältigung nur um materieller Vorteile willen betrieben wird, oder um von den Verbrechen der Kommunisten abzulenken, oder um Deutschland zu schaden. Manche Menschen fühlen sich von den NS-Verbrechen tatsächlich erschüttert, verwirrt, „betroffen“. Auch wenn sie gar nicht betroffen sind.
Daß man sich angesprochen fühlen kann, ohne persönlich dabei gewesen zu sein, müßten die Nostalgiker eigentlich am besten wissen. Geht es ihnen doch genauso, nur mit umgekehrten Vorzeichen. „Weil wir Deutsche sind“, lautet oft die Begründung. Das kann aber nicht stimmen. Millionen Deutsche fühlen sich weder positiv noch negativ beteiligt. Ihnen ist die Sache egal – wenn nicht gerade eine unterhaltsame Doku oder ein Spielfilm darüber läuft.
Zwar ist die Vorgeschichte des Nationalsozialismus nur in Deutschland möglich, doch die Wirkung erstreckt sich auf die ganze Welt. Das hat das Phänomen mit dem Christentum gemeinsam. Das Christentum hat eine speziell jüdische Vorgeschichte und ist doch zur Weltreligion geworden. Entsprechend gibt es seit einiger Zeit den Begriff der „Holocaust-Religion“.
Die Anfälligkeit für den Nationalsozialismus – sei es als Nostalgie oder als Schuldkult – hängt weniger von der eigenen Nationalität ab als von einer bestimmten Mentalität, die man als „Katastrophendenken“ bezeichnen könnte. In der Psychologie bedeutet das, die Dinge immer zu Ende zu denken. Im Alltag kann das ziemlich lästig sein. Bekommt der katastrophische Mensch eine Mieterhöhung, hat er gleich Angst vor der Obdachlosigkeit. „Angst“ ist ein Wort, das es angeblich nur in der deutschen Sprache gibt. Ganz stimmt es nicht. Denken wir an Kierkegaard und seine Schrift „Der Begriff Angst“ (im dänischen Original: „Begrebet Angest“).
Wichtiger noch als die Neigung zur Angst ist die Neigung zur Konsequenz, die solchen Menschen innewohnt. Das Zu-Ende-Denken hat für sie einen speziellen Reiz. Psychologisch darf man nicht übersehen, wie gern die Bewältiger das Nie-wieder-Auschwitz beschwören. Wer vom Nie-wieder spricht, der beschwört aber auch das Ereignis selbst herauf. Darin liegt – rein psychologisch – der Reiz, weil „Auschwitz“ das Zu-Ende-Denken schlechthin, die totale Katastrophe, der absolute Horror ist. Auf so eine Grenze gestoßen zu sein, verschafft eine dunkle Befriedigung.
Auch für die Nostalgiker hat der Nationalsozialismus den Reiz des Zu-Ende-Denkens. Glanzvoller, großartiger, heldenhafter geht es nicht. Auch hierfür gibt es eine psychologische Kategorie, den „Perfektionswahn“. Der Perfektionswahn und das Katastrophendenken entsprechen sich wie Sonne und Mond. Wiederum lästig, wenn es sich im banalen Alltag äußert. So einer hat es schwer. Und andere haben es mit ihm schwer. Das gilt auch von den NS-Nostalgikern, daß sie es schwer haben und andere es mit ihnen schwer haben. Weil sie Ansprüche stellen, die von der Politik gar nicht zu befriedigen sind. Sie haben ihre Maßstäbe an das gigantische Wollen, das gigantische Bauen und die gigantischen Leistungen gelegt (wo ist das Wort „gigantisch“ eigentlich vor Hitler im aktiven Sprachgebrauch überhaupt vorgekommen?). Nun sind sie durchweg enttäuscht.
Die dritte Gruppe von Leuten, wir wollen sie „die Lauen“ nennen, hält offen oder insgeheim die beiden anderen Gruppen (die Bewältiger und die Nostalgiker) für Spinner. Offen sagen sie es bei den Neonazis. Heimlich lächeln sie aber auch über diejenigen, die beim Besuch in Auschwitz zu heulen oder zu kotzen anfangen, weil auch das bedeutet, daß man „nicht in der Gegenwart angekommen ist“. Eine beliebte Formulierung. Für die Lauen spielt sich das Leben immer nur in der Gegenwart ab, also dort, wo sie selber gerade sind. „Katastrophe“ ist nur, was ihnen selber passiert, „Leistung“ nur das, was sie selber vollbringen. Das Absolute geht sie nichts an.
Unabhängig vom Urteil ist die Beobachtung richtig, daß es sich beim Nationalsozialismus um ein außergewöhnliches, vielleicht gar unvergleichbares Ereignis handelt. Nun sind manche in der Lage, solche Ereignisse zu erkennen, und manche trampeln in ihrem primitiven Eigennutz über alles Außergewöhnliche hinweg. Das sind die Lauen. Doch die Gegenwart ist nicht bestimmt von vordergründigen Berechnungen, sondern von großen historischen Entwicklungen. Deshalb bleibt auch für die Tagespolitik entscheidend die Grundfrage: Wie stellen wir uns zu dem großen Ereignis unserer Epoche?
Viele Menschen meinen, „große Ereignisse“ gibt es gar nicht, oder wir brauchen sie heute nicht. Die Fixierung auf Heldengestalten oder Feindbilder sei unreif oder gar neurotisch, weil das Leben ganz überwiegend aus Trivialitäten besteht. Diese Haltung heißt „Realismus“. Der Realismus zielt angeblich auf „die Wirklichkeit“ ab. In der Politik besteht sie aus Landtagswahlen und Verkehrsberuhigung. Doch der moderne Realismus ist nur eine ganz spezielle Auffassung von Wirklichkeit, die nicht immer gegolten hat und nicht immer gelten wird.
Es stimmt nämlich nicht, daß der Alltag das Primäre ist und die besonderen Ereignisse sekundär. Bezeichnend ist vielmehr das Spannungsverhältnis zwischen dem Gewöhnlichen und dem Außergewöhnlichen. Beides ist ständig im Bewußtsein präsent. Früher nannte man die beiden Bereiche „das Heilige“ und „das Profane“. Dabei ist „das Heilige“ ursprünglich nicht nur das Gute, sondern genauso auch das Schreckliche. Also Gefahr und Rettung in einem. In dem Wort „Ehr-Furcht“ klingt noch mit, daß man einen Gott, den man nicht fürchtet, auch nicht ehren kann. Man kann die beiden Begriffe auch übersetzen als „faszinierend“ und „schockierend“. Beide bezeichnen ein Tabu – ein Unberührbares, weil es über alle alltäglichen Belange hinausgeht. Es entzieht sich der Verfügung. Es ist „inkommensurabel“. Genau diese Attribute schreiben die Nostalgiker wie auch die Bewältiger dem Nationalsozialismus zu – nur halten die einen ausschließlich das Faszinosum, die anderen ausschließlich das „Tremendum“ fest.
Im Kino gibt es derzeit einen Film mit dem Titel „Kriegerin“. Ein grottenschlechter Film über „Neonazis“. Die Botschaft, die am Schluß des Films steht, richtet sich nicht nur gegen den Neonazismus, sondern gegen jede Form von Traum, Vision oder Glauben. Sie lautet nämlich: „Während du auf etwas wartest, was noch kommen soll, geht das Leben das dir vorbei.“ Ja, „das Leben“. In den Augen der „Realisten“ und „Hedonisten“ läuft das immer auf Geld hinaus, Geld, Job, Sex und im höchsten Fall eine Familie. Familie geht schon ein wenig über dieses Denken hinaus, denn die Kinder sollen ja weiterleben, nachdem du tot bist. Eigentlich gehen dich auch die Kinder nur partiell etwas an. Dagegen fällt in die Kategorie „reales Leben“, je älter die Leute werden, desto mehr die eigene Gesundheit, die Altersversorgung und schließlich das Sterben, das sich als ein langer (manchmal jahrzehntelanger), höchst kostspieliger und mühevoller Prozeß hinzieht, da es natürlich schwer ist, vom „realen Leben“ Abschied zu nehmen, wenn man nichts anderes kennt und gelten läßt.
Meist glauben diese Realisten, daß ihre Lebenseinstellung in Übereinstimmung zur Natur stehe. Sie nennen sie auch „Materialismus“, obwohl in Wirklichkeit nur die Zivilisation in der Lage ist, eine solche Auffassung überhaupt hervorzubringen. Es stimmt zwar: „Job“ und „Sex“ und die Sorge um das eigene Wohl sind auch jedem Tier das Wichtigste. Nur wird das Tier, genauso wie der Urmensch oder der sogenannte Wilde, allein durch seine Lebensumstände, die ganz durch die Natur bestimmt sind, immer wieder in jene besonderen Stimmungen gebracht, die der Kulturmensch gezielt aufsucht, wenn er sich mit Mythen und religiösen Inhalten beschäftigt. Es ist einerseits die Furcht, die zu einer alles verschlingenden Angst wird, andererseits eine Freude und Begeisterung. die ins Absolute zielt. Das eine geht zurück auf die Erfahrung der natürlichen Bedrohungen (das Kaninchen vor der Schlange), die konstitutiv ist für das Dasein. Auch für den Urmenschen gehört diese äußerste Bedrohung zum Alltag hinzu, sie ist ständig präsent und wird in den ersten Mythen und Göttern gespiegelt. Entsprechend ist das Wohlgefühl, das Gefühl der Sicherheit und Freiheit, nicht eine Selbstverständlichkeit wie in der Zivilisation, sondern auch die Lebensfreude hat inmitten der natürlichen Bedrohungen etwas Absolutes und Göttliches.
Solche Gefühle erleben wir in der Zivilisation auf Grund der gewohnten Absicherung und andererseits der Abstumpfung, die mit der Rundumversorgung einhergeht, kaum noch. Deshalb ist es ganz natürlich, wenn der Kulturmensch (im Unterschied zum Naturmenschen) diese Gefühle der Absolutheit ersehnt und innerhalb seiner Kultur in bestimmten Bildern und Erzählungen aufsucht, in die er sich hineinträumt, für die er schwärmt, die er anbetet und an die er „glaubt“. Da die extremen Erfahrungen  - im Negativen wie im Positiven – das Natürliche und Ursprüngliche sind, kann man davon ausgehen, daß jeder Mensch die beschriebene Sehnsucht in sich hat. Keiner ist mit dem angeblich „normalen“ (in Wirklichkeit zivilisierten) Leben zufrieden, in dem nichts „Großes“ mehr geschieht. Schaut man genauer hin, so verschafft sich fast jeder in irgendeiner Form einen Ersatz für die „Grenzerfahrungen“, die er nicht mehr hat. Allerdings sind diese Ersatzhandlungen meist individuell und nicht kollektiv angelegt. Jeder hat seine „Gottheit“, und wenn es nur der Alkohol ist. Nach außen hin schwatzt man aber von dem „realen Leben in der Gegenwart“, und daß man sich an nicht an „irgendwelche Ideologien verlieren“ solle.
Was da abfällig „Ideologie“ genannt wird, im speziellen Fall auch „Nostalgie“ oder „Schuldkult“, ist eine bestimmte Weltdeutung oder Weltanschauung. Nur die Zivilisation, die die gefährliche „Welt“ durch einen funktionierenden „Apparat“ ersetzt, macht es möglich, daß Menschen scheinbar auf solche Gesamtdeutungen verzichten. Die realistische Auffassung, daß es hinter den alltäglichen Erscheinungen keine weitere Dimension, keinen höheren Sinn, kein „Geheimnis“ mehr gibt, setzt immer die Zivilisation voraus, die uns vor allen Katastrophen schützt und von allen grundlegenden Erfahrungen abhält.
Wer den Nationalsozialismus in den Mittelpunkt seines Denkens stellt – sei es positiv oder negativ – geht davon aus, daß sich im 20. Jahrhundert eine historische Wende – eine Zeitenwende – vollzogen hat, die auch in unsere Gegenwart hineinwirkt. Die Gegenwart steht damit unter der Entscheidung, wie man sich zum Nationalsozialismus stellt. Solche „totalitären“ Vorstellungen sind ebenso wie die religiösen Vorstellungen im Liberalismus verpönt. Aber sie kehren wieder. Die Frage lautet inzwischen nicht mehr: Wollen wir überhaupt noch Religion? sondern: wollen wir zu den alten Religionen zurückkehren, wie etwa Islam oder Katholizismus, oder wollen wir an diejenige „Religion“ anknüpfen, die sich auf die Moderne selbst und ihre Bewertung bezieht?
Zur Präsidentschaftswahl in den USA äußert ein „evangelikaler“ Politiker allen Ernstes: „Unsere wirtschaftlichen Probleme resultieren daraus, daß wir nicht auf Gott hören. Deshalb ist es das Wichtigste, daß der künftige Präsident den richtigen Glauben hat.“ So weit sind wir also schon gekommen, daß solche Wortmeldungen weltweit verbreitet werden. Und das Erstaunlichste dabei ist: der Mann hat recht. Unsere wirtschaftlichen Probleme, die zur Zeit die einzigen Probleme zu sein scheinen, sind in Wirklichkeit geistige, ja religiöse Probleme. Niemals wird ein Politiker sie durch ein größeres Wirtschaftswachstum lösen oder durch mehr Sparmaßnahmen oder durch bessere Verteilung, sondern nur durch die richtige Zielsetzung. Die „Evangelikalen“ glauben nun, ähnlich wie die katholischen Traditionalisten, daß diese Zielsetzung in Jesus Christus liegt. Immerhin: diese christlichen Fundamentalisten gehören nicht zu den „Lauen“, von denen es in der Offenbarung des Johannes heißt:
Ich kenne deine Taten, daß du weder kalt noch heiß bist. Ich wünschte, du wärst kalt oder heiß. Weil du aber lau bist und weder heiß noch kalt, werde ich dich aus meinem Mund ausspeien.
Auch die radikalen Moslems sind von dem Vorwurf der Lauheit ausgenommen. Sie sehen ihr Ziel in Allah und in der Befolgung der Scharia. Für beides braucht man weder ein Wirtschaftswachstum noch Milliardenkredite. Denn die Menschen, die arm sind, erdulden ihre Armut mit Allah, und die, die verhungern, sterben nach dem Willen Allahs. Damit ist die Politik unabhängig. Solange man keine Autorität gefunden hat, die auch das Sterben von Menschen durch Hunger, durch Krieg, durch Krankheit oder durch Selbstopfer zu legitimieren fähig ist, ist kein Politiker im echten Sinne „politikfähig“. Solange es nämlich keine Autorität gibt, die über der Politik insgesamt steht, und von der sich politische Autorität herleitet, ist Politik die Sklavin irgendwelcher Forderungen, die ins Unermeßliche wachsen und an denen jede Regierung scheitern muß. Genau das hat der evangelikale US-Politiker gemeint. Die Frage ist nur, ob das Christentum (oder der Islam) diese Autorität heute bieten kann.
Die Diskussion ist nicht neu. Unter dem Begriff der „politischen Theologie“ und nicht zuletzt im Bezug auf Carl Schmitt wird sie seit einigen Jahrzehnten wieder geführt. Schmitt ist von der katholischen Tradition geprägt. Er hält aber seinen Gott nicht (mehr) für fähig, die oberste politische Autorität abzugeben. Deshalb erklärt er die politische Sphäre als unabhängig und in sich abgeschlossen. Das oberste Kriterium dieser unabhängigen politischen Sphäre ist zwangsläufig leer. Im Unterschied zu den Liberalen, die davon ausgehen, daß es über der Mehrheitsentscheidung keine Autorität mehr braucht, ist bei Schmitt die Stelle noch vorhanden, aber kann nicht mehr inhaltlich ausgefüllt werden. Diese Position ist als „Dezisionismus“ bezeichnet worden. Auf jeden Fall ist sie unbefriedigend. Deshalb braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn Schmitt genau diese Stelle im Jahr 1934 unter dem Druck der Verhältnisse mit Hitler besetzt. Und sie dann nach 1945 wieder zunehmend mit der Religion füllt.
Auch die Holocaust-Religion leitet das oberste Kriterium der Politik vom Nationalsozialismus her. Alles ist demnach gerechtfertigt, wenn es „ein neues Auschwitz“ verhindert. Das heißt: Politik muß in erster Linie Antifaschismus sein, auch wenn dabei andere Interessen verletzt werden sollten. So daarf zum Beispiel die Meinungsfreiheit eingeschränkt werden, wenn es die „Neonazis“ betrifft. Wer an die Holocaust-Religion glaubt, würde aber auch noch weiter gehen. Im Notfall wäre auch eine Diktatur gerechtfertigt, wenn sie das Aufkommen der „Neofaschisten“ verhindert. Dieser Standpunkt mag in letzter Konsequenz „undemokratisch“ sein, wenigstens aber bleibt eine solche antifaschistische Politik handlungsfähig. Sie besitzt ein oberstes Kriterium, von dem sich alle Autorität ableitet. Der Liberalismus besitzt überhaupt keine echte Autorität. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn sich die „Holocaust-Religion“ als heimliche Staatsreligion eingebürgert hat.
Auch die „Neonazis“ haben wie die historischen Nazis ein oberstes Ziel, dem sie jedes Einzelinteresse unterordnen: den Kampf gegen die Juden. Nicht bloß der einzelne (womöglich unschuldige) Jude wird der Feindschaft gegenüber dem jüdischen Prinzip untergeordnet und geopfert, sondern auch die anderen Völker, selbst die Deutschen und die besten Deutschen werden geopfert für dieses Ziel. Einerseits ist das unmenschlich (und im höchsten Grade undemokratisch), auf der anderen Seite erhält damit das nationalsozialistische politische Handeln eine Legitimation, die der liberalen Politik fehlt. Der Liberalismus hat zwar keine Menschen gemordet und hat sogar die Todesstrafe abgeschafft, aber dafür bleibt jeder Eingriff in das individuelle Dasein im Liberalismus ohne echte Legitimation. Die Rechtfertigung beruht nicht auf einem absoluten Wert oder Ziel, sondern einzig auf der Annahme, daß die Regierung wiedergewählt werden und daher sich möglichst beliebt machen will. Zumindest in Krisensituationen reicht diese Legitimation nicht aus. Und auf der Suche nach einer „echten“ Legitimation verfällt der liberale Staat ausgerechnet auf den Nationalsozialismus als negativen Bezugspunkt. Die Wiederkehr des Nationalsozialismus zu verhindern, ist die eigentliche Begründung unseres Staates. Und zwar nicht bloß aus einer Bewältigungshysterie heraus oder unter dem Einfluß der 68er, sondern aus entscheidenden philosophisch-theologischen Gründen. Es muß so sein, daß der post-nationalsozialistische Staat sich existentiell auf den Nationalsozialismus bezieht. Weil es im NS unter der Metapher der „jüdischen Weltherrschaft“ um die Beurteilung der Moderne und des Liberalismus selber geht. Der „Schatten Hitlers“ ist nicht etwas, aus dem man einfach „heraustreten“ kann, wie man aus dem Schatten eines Baumes tritt.

Baumschatten ordnen sich zu Schienensträngen. Günther Grass (Nobelpreisträger): „Deutschland denken heißt Auschwitz denken.“ Rudolf Heß (Stellvertreter): „Hitler ist Deutschland.“